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Domestikation vor 15.000 Jahren

Und so neigt man dazu, nicht zuletzt auch weil logischer und gefälliger, die Haustierwerdung des Wolfes in die ausgehende Altsteinzeit zum Ende der letzten Eiszeit auf vor rund 15.000 Jahre zu datieren.

Der Nutzen für den Menschen wäre einfach ein weitaus größerer gewesen als zu einem früheren Zeitpunkt. Aufgrund klimatischer Veränderungen verschwanden im Laufe von Jahrtausenden die Steppen und mit ihnen das Großwild. Eine zunehmende Bewaldung fand statt und die Wildpopulationen veränderten sich – weg vom Mammut hin zu kleineren Tieren. Der damalige Mensch lebte in aneignender Wirtschaftweise als Jäger und Sammler in eher kleinen Gruppen zusammen und die alten vormals sehr erfolgreichen Jagdmethoden mit Steinschleudern, Speeren und Keulen wurden abgelöst durch diffe-renziertere Jagdmethoden mit Pfeil und Bogen. (Zeit und Ort der Erfindung von Pfeil und Bogen sind aber ebenfalls unklar, da sie früher zunächst aus Tierhäuten und Sehnen angefertigt wurden, die vollständig verrotteten und der Nachwelt keine Spuren hinterließen. Erst später stellten die Steinzeitmenschen ihre Jagdwerkzeuge aus Steinen und Tierknochen her und vermachten somit – natürlich unbewusst – den heutigen Wissenschaftlern kostbare Schätze, die Aufschluss über das damalige Leben zulassen. So die älteste und eindeutig belegbare Bogenwaffe, die in Stellmoor bei Hamburg gefunden wurde, mit einem geschätzten Alter von ca. 8.000 bis 9.000 Jahre vor Christus.)

Der Hund könnte Jagdhelfer des Menschen gewesen sein. Davor muss allerdings ein Prozess stattgefunden haben, der nicht bewusst durch den Menschen eingeleitet worden sein kann, sondern eher zufällig, denn die Folgen der Domestizierung waren nicht einschätzbar.

Domestizierung des Wolfs durch den Menschen

Der Wolf als Nahrungsvorrat des Menschen

Dr. Dirk Roos, amerikanischer Biologe und auch Eberhard Trumler, deutscher Kynologe vertreten die Theorie der unfreiwilligen Domestizierung des Wolfes vor rund 15.000 Jahren durch den Menschen als Nahrungsvorrat, auf den sie bei Bedarf zurückgriffen. Aufgrund von Stress vermehrten sich diese Tiere in Gefangenschaft jedoch nicht, so dass immer wieder für ‚Nachschub’ gesorgt werden musste. Auf der Jagd nach weiteren Wölfen gelang es den Menschen eher, helle Farbvarianten einzufangen, da diese aufgrund einer genetischen Grundlage weniger Adrenalin und somit ein geringeres Verteidigungs- und Fluchtverhalten aufwiesen und leichter überwältigt werden konnten. Sie waren also ruhiger und konnten sich daher auch problemlos in Gefangenschaft vermehren, was sonst ja nur sehr erschwert gelingt. Im Laufe der Zeit wurden diese den Menschen zuträglichen Eigenschaften dann mehr und mehr weitervererbt und die Haustierwerdung vollzog sich.

Der Wolf als emotionaler Faktor

Erik Zimen, der wohl berühmteste schwedische Wolfsforscher, vertritt die Theorie, dass der Wolf durch den Menschen domestiziert wurde, aber eher durch Zufall als durch pure Absicht und nicht durch einen Mann sondern durch eine Frau. Zimen widerlegte damit die lange Zeit geltende Theorie, der Wolf hätte die Menschen auf der Jagd als Jagdpartner unterstützt.

Wolfsrudel im Futterkampf

Wolfsrudel im Futterkampf

Aufgrund seiner als Wolfsforscher mannigfachen praktischen Erfahrungen mit zahmen Wölfen weiß er nämlich, dass Wölfe außerordentlich futteregoistisch sind, und - außer ihren Welpen - niemals Futter an ein Mitglied ihres Rudels abgeben, schon gar nicht an einen Menschen, auch wenn er ihnen vertraut ist. Da Wölfe außerdem Hetzjäger sind, könnte sich der Mensch niemals mit ihm gemeinsam an eine Beute herangeschlichen haben. Zimen glaubte vielmehr, dass die Menschen vor rund 15.000 Jahren aus rein emotionalen Gründen Wolfswelpen in ihre Familienverbände geholt haben könnten. Warum?

Zur damaligen Zeit jagte man bereits derart geschickt und effizient, dass man in der Lage war, mit nur einer Jagd oftmals einen gesamten Jahresbedarf an Fleisch für einen Clan abzudecken. Die Folge war, dass es den Menschen dadurch so gut ging (Hochkultur), dass ausreichend Zeit für ‚Muse und Luxus’ übrig war. Und so könnte es geschehen sein, dass Frauen aus rein emotionaler Fürsorge und zum Zeitvertreib, ganz kleine Wolfswelpen, deren Muttertiere vorher umgekommen waren oder gar von ihnen selbst getötet worden waren, zu sich genommen, sie gestillt und somit unbewusst domestiziert haben. Er vermutet auch, dass sie ihre mit Kot verschmierten Kinder von ihnen ablecken und säubern ließen, die Wölfe Wärme spendeten, den Abfall auffraßen und mit den Kindern spielten. Der Nutzen des Wolfes schien also deutlich höher gewesen zu sein, als die Gefahr, die von ihm ausging, denn immerhin war er der größte Nahrungskonkurrent des damaligen Menschen.

Das in Mahalla in Israel gefundene ca. 12.000 Jahre alte Skelett einer Frau, deren Hand auf einem etwa fünf Monate alten Welpen liegt, würde Zimens Theorie der Domestizierung durch Frauen und den Faktor Emotionalität unterstreichen. Auch die in einem Doppelgrab in Oberkassel gefundenen Reste eines Hundes, die neben der Frau und nicht neben dem Mann lagen, zeugen von einer innigen Beziehung des Hundes zur Frau. Warum sonst wurde der Hund neben die Frau gelegt?

Selbstdomestizierung des Wolfes aufgrund ökologischer Nische

Die amerikanischen Ethologen Ray und Lorna Coppinger begründen ihre Theorie der Selbstdomestizierung des Wolfes damit, dass er sich an eine neue ökologische Nische angepasst hat. Demnach haben die von den Siedlungen etwas abseits gelegenen Abfallhaufen der damaligen Menschen, die nachweislich über einen längeren Zeitraum in dorfähnlichen Strukturen gelebt haben, Wölfe und andere Aasfresser angelockt. Auf diese Weise entstanden im Laufe von Jahrtausenden eine Müllhierarchie und eine Art Selbstselektion der Wölfe, indem sie sich naturgemäß in zwei Gruppen aufteilten: Die eine Gruppe bestand aus scheuen Wölfen, die wegliefen und die andere aus denen, die weniger Angst vor den Menschen hatten und von deren Nahrungsabfällen profitierten. Die Fortpflanzung von derart wohl versorgten Tieren war ebenfalls gesichert und die natürliche Fluchtdistanz der Tiere verlor sich mehr und mehr aufgrund ihrer positiven Lernerfahrungen mit dem Menschen. Und so ist es vorstellbar, dass sich irgendwann Wolfswelpen, deren Mütter umgekommen waren, dem Menschen anschlossen und von den Frauen gestillt und aufgezogen wurden. Sie wuchsen in einem deutlich anderen Umfeld auf wie ihre Vorfahren und vermehrten sich dort auch. Da von den Menschen sicherlich nur die Wölfe mit den ‚zahmsten’ Eigenschaften geduldet wurden, also die, die sich dem Menschen am besten anpassten, vermehrten sich folglich auch nur solche Tiere, was eine erste Selektion bedeutete. Besonders aggressive Wölfe hätten eine viel zu große Bedrohung für das Überleben der Menschen und vor allen Dingen auch für deren Kinder bedeutet. Ein Genpool mit erwünschter Erbmasse entstand und manifestierte sich im Laufe der Zeit nach und nach. Irgendwann wurden keine neuen Wölfe mehr aufgenommen und der Mensch machte sich die ausgesprochen sozialen Fähigkeiten der domestizierten Wölfe zu eigen, nutzten ihn aber sicherlich auch als Wachhund aufgrund seines ausgeprägten Territorialitätsverhalten.

Auch äußerlich entstand ein völlig anderes Tier - der Haushund. Er wies eine verkürzte Schnauze, eine deutlich geringere Körper- und Gehirngröße auf. Kurzum: Er verlor an Masse und Kraft, da dies nicht mehr in dem starken Maß wie vormals gefordert war, als er Mammuts und andere damals lebenden Großtiere jagen musste, um seinen Fortbestand zu sichern.

Domestizierung durch Zufall aufgrund von Mineralien

Susan Crockford, eine amerikanische Evolutionsbiologin sorgte mit ihrem erst vor wenigen Jahren erschienen Buch „Rhythms of Life“ für Aufsehen, indem sie den Domestikationsprozess ebenfalls als Zufall darstellt, jedoch anders als Zimen und Coppinger.

Sie glaubt, dass der Wolf die Ausscheidungen der Menschen, nachdem sie ein Lager verlassen hatten, „plünderte“, indem er ihren Urin leckte und darüber Mineralien aufnahm. Der Kot überdeckte den eigenen Geruch und das über den Urin aufgenommene Salz wirkte auf die Schilddrüsenfunktion des Wolfes und steuerte über den Hypothalamus die Produktion der Stoffe Adrenalin (zuständig für Fluchtreaktionen) und Melanin (zuständig für die Farbe des Fells). Dies rief im Laufe der Zeit starke Veränderungen hervor, die sich immer weiter vererbten und dem Domestikationsprozess Vorschub leisteten. Als wichtigste Veränderungen gelten die Abnahme von Fluchtdistanz, die Zunahme der Gehorsamsintelligenz und der Fruchtbarkeit. Außerdem schrumpften Gehirn und Schädel, die Schnauze verkürzte sich und der Körper wurde im Vergleich zu dem des Wolfes um ca. ein Drittel kleiner. Gründe dafür waren, dass der Wolf nicht mehr nach Großwild jagen musste und eine gewisse Rückbildung des Körpers sowie Gehirns stattfand. So verwandelte sich der Wolf vermutlich in den Wildhund, der sich vom Aussehen her mehr und mehr vom Wolf unterschied. Crockford meint, der Mensch habe nicht den Wolf sondern den Wildhund domestiziert, der wesentlich stresstoleranter als sein Urahne war. Da sich – wie man weiß - diese Veränderungen bezüglich des Aussehens und Verhaltens schon nach 20 bis 30 Generationen zeigen, vollzog sich nach Crockford die Domestizierung deutlich (!) schneller als bisher angenommen.

Ort der Domestizierung

Die lange Zeit geltende Auffassung, dass es sich um einen langsam in Gang kommenden Prozess handelte, der sich über viele Jahrtausende parallel überall auf der Welt vollzog, scheint durch neueste Forschungsergebnisse von Stockholmer Wissenschaftlern widerlegt. Demnach ist das Mutterland aller Hunde Ostasien, genauer, eine kleine Region in China. Dies wiesen sie mittels einer eigens von ihnen angelegten riesigen DNS Datenbank und einer daraus ableitbaren Ahnenfolge nach.

Vor diesem Hintergrund ist die Überlebensleistung des Hundes und sein Feldzug quer über alle Kontinente noch bemerkenswerter als bisher angenommen.


Domestikation vor 135.000 Jahren
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